Auf Grund der Situation von Asylsuchenden in der Sächsischen Schweiz hat sich vor etwa einem Jahr die AG Asylsuchende gegründet. Diese Arbeitsgemeinschaft will parteiisch die Interessen der Asylsuchenden in der Region vertreten. So fanden sich die VertreterInnen verschiedner Initiativen an einem Tisch zusammen. Darunter das Kulturbüro Sachsen, die Aktion Zivilcourage, die Landeskirchliche Gemeinde Pirna und der Verein AKuBiZ e.V. Lutz Richter sprach dazu für die „attenzione“ (November Ausgabe 2008) mit Pablo Gomez – einem der engagiertesten Akteure der Arbeitsgruppe. Pablo ist Künstler. Seine Lieder in spanischer Sprache begeisterten schon eine Reihe von ZuhöhrerInnen – so auch zum „Tag des Flüchtlings“.

 

Petra Schickert und Markus Kemper vom Mobilen Beratungsteam im Gespräch mit Pablo Gomez1. Lieber Pablo, kannst du uns zuerst einmal kurz erzählen, wie es dazu kam, dass du die Arbeitsgemeinschaft mitbegründet hast?

Ich habe von Februar bis Juli dieses Jahres mein Praktikum beim Mobilen Beratungsteam in Pirna gemacht und gleich zu Anfang, durch meine Tutorin Petra Schikert erfahren, dass im Bereich der Flüchtlingsarbeit im Landkreis nicht so viel los war. Es gab einzelne Aktionen von Vereinen und der Kirche, aber keine regelmäßige Arbeit.

Nach dem Gespräch haben wir uns zusammen entschieden, dass ich eine Austauschgruppe von Vereinen, die sich im Januar erstmalig getroffen hatte, unterstützen würde. Die Idee der Gruppe war, einen Beitrag zu leisten, um die unmenschliche Lebenssituation der Asylbewerber in Kreis zu verbessern. So bin ich bei dem zweiten Treffen dabei gewesen, das war Anfang Februar. Seitdem haben wir uns als Arbeitsgruppe etabliert, Veranstaltungen organisiert, viel Öffentlichkeitsarbeit gemacht, eine gute und vertraute Beziehung mit den Asylbewerbern aufgebaut und mehrere Gespräche mit dem Landratsamt geführt.

2. War es schwer MitstreiterInnen für die AG zu finden und auf welche grundsätzlichen Punkte konntet ihr euch einigen?

Ich glaube, es war relativ einfach, Mitstreiter für die Gruppe zu motivieren. Ich denke, dass es daran liegt, dass es in Pirna viele Vereine und Initiativen gibt. Wir waren von Anfang an gut vertreten durch Vereine, Bürgerinitiativen und einzelne motivierte Bürger.

Die Frage, was genau wir machen wollten und wie, war meiner Meinung nach das Komplizierte bei uns. Einige waren der Meinung, wir sollten langsam agieren und vor allem nicht über die politische Struktur hinweg. Das hieß für mich eine Arbeit, die auf einer „karitativen“ Ebene geschehen sollte und sich nicht mit den strukturellen und politischen Hintergründen, die die Misere der Asylsuchenden verursacht, auseinander setzen wollte. Andere hingegen dachten, dass die Situation schlimm genug sei – wir haben zum Beispiel von Menschen erfahren, die schon 14 bis 20 Jahre als Asylbewerber in einem Heim lebten! – und so wollten wir von den politisch Verantwortlichen angemessene Änderungen im Hinblick auf die Lebenssituation der Asylbewerber fordern, die Verantwortlichen zu Wort kommen lassen, in unserem Fall das Landratsamt.

Nach einigen Disskusionen haben wir uns entschieden, diese Differenzen und die Arbeitsweise der Gruppe in einem „Internem Workshop“ zu bearbeiten. Nach diesem Schritt haben wir ein Selbstverständnis erarbeitet, dass uns meiner Meinung nach für die zukünftige Arbeit sehr geholfen hat.
Unsere Ziele waren:

  • Die Abschaffung der Essens- bzw. Fresspakete
  • Die Finanzierung (Landratsamt) von Fahrscheinen für die Heimbewohner, um die Strecke Neustadt-Sachsen bis Pirna abzudecken
  • Die Flexibilisierung der so genannten „Residenzpflicht“
  • Die dezentrale Unterbringung mit Priorität der Familien mit Kindern und der Menschen, die chronisch und psychisch krank sind, sowie derjenigen, die schon mehr als 3 Jahre im Heim lebten

3. Im neuen Großkreis gibt es zwei Heime für Asylsuchende. Eines in der Sächsischen Schweiz (Langburkersdorf) und eines im Weißeritzkreis (Klingenberg). Nach der Zusammenlegung der Kreise hat die AG auch versucht sich im Weißeritzkreis zu engagieren. Wie ist dies gelungen?

Wir haben sehr schnell gemerkt, dass es von Pirna aus schwierig wird, kontinuierliche Kontakte zu den Menschen im Heim Klingenberg herzustellen. Uns geht es ja vor allem auch darum, die Asylsuchenden in Veranstaltungen einzubeziehen, die Isolation aufzubrechen, persönliche Kontakte herzustellen. Deshalb bestand unser Anliegen darin, im alten Weißeritzkreis Menschen zu finden, die dies machen. Wir haben unsere AG und unsere Forderungen interessierten Menschen im Weißeritzkreis vorgestellt. Das sah anfangs auch ganz hoffnungsvoll aus, aber zu den nächsten beiden Treffen kamen nur noch zwei Leute und eine Frau aus unserer Gruppe. Beim letzten Treffen in Grillenburg wurde festgelegt, keine kontinuierlichen Treffen durchzuführen, sondern eher anlassbezogen zu reagieren, zumal es professionelle Hilfe für die Menschen im Heim über die Diakonie gibt. Es ist aber offensichtlich darüber hinaus schwer, eine breitere Öffentlichkeit in der Region um Klingenberg für das Thema und damit eine Lobby für die Asylsuchenden zu finden. Es gibt zu viele Vorurteile und Vorbehalte.
Unabhängig davon setzt sich unsere AG für die Verbesserung aller im Landkreis lebenden Asylsuchenden ein. Wenn es uns beispielsweise gelingt, die Essenpakete durch Bargeld zu ersetzen, gilt das auch für die Menschen im Klingenberger Heim.

4. Es ist gut vorstellbar, dass ihr bei Behörden nicht immer auf offene Türen gestoßen seid. Gab es da Probleme und wenn ja welche?

Ja. Das war keine einfache Sache. Ich kann mich gut an das erste Gespräch im Landratsamt erinnern: es war Anfang März. Wir haben einen Termin vereinbart, bei welchem wir uns mit dem Vertreter vom Landratsamt und dem Ausländerbeauftragten verständigen wollten. Wir waren da und haben gefragt, wo wir uns treffen wollten. Da kam eine Beamtin und meinte: „wofür?“ Wir haben erklärt worum es ging, woraufhin sie sagte: „na ja, der Vertreter vom Landratsamt ist krank und der Ausländerbeauftragte ist nicht da“.

Ich hatte das Gefühl, dass sie uns gar nicht ernst genommen haben. Das Gespräch hat also mit dieser Beamtin stattgefunden. Sie hat von Anfang an klar gemacht, dass bei dem Thema Asylbewerber nicht so viel zu ändern sei. „Es ist alles schon gesetzlich geregelt“. Und dann meinte sie noch, „und außerdem sind das Menschen, die sowieso abgeschoben werden, wofür wollen Sie das Ganze machen?“

Die Beziehung wurde besser und nicht zuletzt durch unsere Arbeit. Wir haben einige Zeitungsartikel raus bekommen, in denen wir das Thema angesprochen haben und uns dadurch, sage ich so, eine gewisse Bekanntschaft im Kreis geschafft haben. Wir haben in den nächsten Gesprächen gute Argumente gebracht und wie gesagt, fast immer einen frischen Zeitungsartikel, der ehrlich gesagt, die Leute vom Landratsamt normalerweise geärgert hat.

Ich habe den Eindruck, dass die Behörde sich gar nicht mit dem Thema befassen will. Wir hören immer wieder, zum Beispiel von Asylsuchenden, wie unfreundlich und zum Teil rassistisch sie in den Behörden behandelt werden. Ich habe einige Heimbewohner zur Ausländerbehörde begleitet und selbst erlebt, wie das Ganze läuft: sie haben uns nicht einmal begrüßt. Die Asylsuchenden werden wie minderwertige Menschen angesprochen und das Schlimmste ist, dass es „normal“ ist.

5. Wie schätzt Du prinzipiell die Situation der Asylsuchenden in Langburkersdorf ein? Was müsste sich im alltäglichen Leben für die Menschen verbessern?

Ich bin dieses Jahr mehrere Male ins Heim gefahren und immer wieder hatte ich das gleiche Gefühl: Wie kann so etwas sein? Warum sollen Menschen, die aus ihren Ländern fliehen mussten, unter solchen unmenschlichen Bedingungen leben? Das Heim befindet sich in der Stadt Neustadt in Sachsen. Die Heimbewohner müssen vom Bahnhof bis zum Heim etwa 25 Minuten laufen. Um das Heim herum gibt es nichts als altes Industriegelände und verlassene Gebäude.

Die Asylsuchenden haben keine Möglichkeit, sich zu entwickeln, die deutsche Sprache zu lernen oder gar mit deutschen Einwohnern in Kontakt zu treten. Sie dürfen nicht arbeiten und bekommen monatlich 20 bis 40 Euro Taschengeld. Es gibt viele Personen im Heim, die schon so lange da sind, wie gesagt, 14, 15, 20 Jahre, dass sie keine Hoffnung mehr im Leben haben. Viele andere sind durch diese Verhältnisse krank geworden, Depressionen und chronische Krankheiten sind an der Tagesordnung… Zu Deiner Frage: Ich glaube, die Situation in Langburkersdorf sieht schlimm aus. Und was sich ändern sollte? Ich glaube schon, dass es anders geht! Die Abschaffung der Fresspakete wäre auf alle Fälle ein Anfang. Die Heimbewohner könnten wie jeder Mensch frei entscheiden, was sie essen wollen oder nicht. Damit könnten sie auch Geld sparen, da die Preise aus dem Essenskatalog, aus dem sie Lebensmittel bestellen, viel teurer sind als die Preise in anderen Supermärkten.

Außerdem ist es so, dass es in mehreren Städten und anderen Landkreisen keine Essenspakete mehr gibt, sondern Bargeldzahlung. Die Arbeitssituation ist auch ein wichtiger Punkt. Wenn die Asylsuchenden die Chance hätten, einen Job zu haben, da wäre vieles anders. Das sind Menschen, die eine ganze Menge an Erfahrungen und Fähigkeiten mitbringen! Es gibt Sprachbegabte, die 3 bis 4 Sprachen sprechen können, andere, die sehr gut im Schreiben sind, und wieder andere, die mit Kunst Erfahrung haben und ich denke, sie könnten große Dinge für die Gesellschaft leisten. Es wäre in diesem Sinne nicht nur eine Hilfe für die Asylbewerber, sondern eine gegenseitige Sache.

Die „Integrationsmöglichkeiten“ für Asylbewerber sind auch ein wichtiges Thema. Wenn die Leute die Sprache lernen könnten und die Chance hätten, sich auszubilden, dann wären sie für das Amt nicht länger eine Last, weil sie selbständig würden. Wir haben zum Beispiel das Thema „Dezentrale Unterbringung“ bei dem Gespräch im Landratsamt angesprochen. Warum können die Menschen nicht in Wohnungen wohnen? Die Antwort: „Es ist finanziell nicht möglich.“ Ich habe selbst mehrere 2- Raum-Wohnungen in Heidenau und Stolpen gefunden, die sogar billiger sind, als das, was die Behörde für die Heimunterbringung ausgibt!

6. Die AG gibt es nun seit fast einem Jahr. Welche Erfolge könnt ihr verzeichnen und was sind die weiteren Ziele für die Nahe Zukunft?

Wir haben bis jetzt einiges geschafft:

  • Seit September dieses Jahres läuft unser selbst organisierter Deutschkurs in Heim. Die Asylbewerber sind sehr motiviert und fleißig beim Lernen und freuen sich, endlich die Sprache erlernen zu können. Darauf sind wir stolz.
  • Die Heimbewohner bekommen vom Landratsamt 2 Tagesfahrkarten im Monat, um in die Stadt zu fahren.
  • Nach mehreren Gesprächen im Landratsamt wurde Anfang August der Antrag auf Bargeld beim Regierungspräsidium gestellt. Wir warten noch auf Antwort.
  • Es sollen demnächst Anträge auf dezentrale Unterbringung gestellt werden. Das Landratsamt hat sich dafür ausgesprochen, die schwierigsten Fälle, darunter Familien mit Kindern, chronisch und psychisch kranke Menschen und Menschen mit sehr langen Aufenthalten, mit dem Ziel zu bearbeiten, dass die Menschen das Heim verlassen dürfen.
  • Die Öffentlichkeitsarbeit hat eine große Rolle gespielt. Dadurch ist unsere Arbeitsgruppe ein Referent im Kreis geworden und ich glaube, dass dies sehr wichtig ist, um Lobby und auch ein bisschen Druck ausüben zu können.
  • Im September haben wir eine Karikaturenausstellung nach Pirna gebracht, mit dem Ziel, das Thema unter die Bevölkerung zu bringen. Die Ausstellung ist von ungefähr 400 Personen besucht worden! Darunter sind einige Schulklassen und Jugendliche in Ausbildung gewesen.

Als wichtigstes Ziel streben wir eine dringende dezentrale Unterbringung an, das sollte so schnell wie möglich geschehen. Dann möchten wir, dass sich im Umgang mit den Asylbewerbern in den Behörden etwas ändert. Wie gesagt, wir sind der Meinung, dass die Menschen wie Menschen behandelt werden sollen und dafür, merken wir, fehlt es an interkultureller Kompetenz der Behörden. Die sprachliche Barriere zum Beispiel: die Asylbewerber werden nur auf Deutsch bedient und wir denken, es sollen mindestens eine oder zwei Fremdsprachen für die Beratung angeboten werden, sonst verstehen sie nicht, was mit ihnen geschieht.

Für die nächste Zeit haben wir uns gedacht, soll es auch Lobby für das Thema, oder besser gesagt für Verbesserungen der Lebensbedingungen der Asylsuchenden auf Kreistagsebene geben. Deswegen organisieren wir für den 10.12.08 einen Besuch im Heim mit Vertretern der demokratischen Fraktionen des Kreistages. An diesem Tag wird auf der ganzen Welt „60 Jahre Menschenrechtserklärung“ gefeiert, Anlass genug, um unser Anliegen in die Öffentlichkeit zu tragen.